DDR-PLANUNGSGESCHICHTE
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Westkontakt: 1. Bernd Grönwald als Netzwerker

In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre bemühte sich das Institut für Städtebau und Architektur (ISA) der Bauakademie der DDR unter seinem Direktor Bernd Grönwald (zugleich Vizepräsident der Bauakademie) vergleichsweise intensiv um Arbeitskontakte zu fachlichen Akteuren in der Bundesrepublik und anderen nichtsozialistischen Staaten in Europa.

Grönwald brachte sich dabei auch persönlich stark ein und nahm z.B. mehrfach an Tagungen im westlichen Ausland teil. Nicht zuletzt konnte er Verbindungen zu links orientierten Fachleuten und Institutionen etwa in Italien und Großbritannien knüpfen. Seine Vernetzungstätigkeit beschränkte sich aber keineswegs auf solche Kreise. Schon Ende 1985, kurz vor seinem Dienstantritt als ISA-Direktor und noch als Professor an der Hochschule für Architektur und Bauwesen in Weimar, lud er etwa mit Frei Otto einen westdeutschen Architekten von Weltrang als Referenten zum internationalen Bauhaus-Kolloquium in Dessau im folgenden Jahr ein; angesichts von Ottos Rolle als Pionier des Leichtbaus und einer organischen Architektur umso bemerkenswerter. Zu einer Teilnahme und einem Beitrag von Frei Otto kam es dann jedoch nicht.

Grönwald an Otto 01.11.1985
Grönwald an Otto, 1. November 1985
(IRS, Wiss. Samml., C_49_5)
Grönwald an Marcuse 05.09.1988
Grönwald an Marcuse, 5. September 1988
(IRS, Wiss. Samml., A_1_39)
Nerdinger an Grönwald 15.03.1988
Nerdinger an Grönwald, 15. März 1988
(IRS, Wiss. Samml., A_1_17_42)
Grönwald an Nerdinger 11.04.1988
Grönwald an Nerdinger, 11. April 1988
(IRS, Wiss. Samml., A_1_17_42)
Grönwald an Nerdinger 12.10.1989
Grönwald an Nerdinger, 12. Oktober 1989
(IRS, Wiss. Samml., A_1_17_29)

Einer der westlichen Fachleute, die in diesen Jahren in die DDR reisten und umworben wurden, war Peter Marcuse aus New York. In einem Brief aus dem Jahr 1988 bedankte sich Grönwald bei dem Professor für Stadtplanung an der Columbia University für dessen Vorträge und Anstöße und signalisierte sein großes Interesse an Marcuses Vorschlag für ein Forschungs- und Studienprogramm zum Thema Wiederbelebung von Innenstädten. Grönwald lud Marcuse auch zu einem weiteren, längeren Aufenthalt in der DDR ein. Auch wenn nicht alle Pläne verwirklicht werden konnten, blieb das Verhältnis zu Marcuse offenbar vertrauensvoll, der auch die Wendezeit in Ostdeutschland engagiert beobachtete.

Ein weiterer Kontakt bestand zwischen Grönwald und dem bedeutenden Architekturhistoriker an der TU München (und Leiter des dortigen Architekturmuseums) Winfried Nerdinger, der 1983 als Teilnehmer für das internationale Bauhaus-Kolloquium in der DDR gewonnen werden konnte. 1988 fragte Nerdinger bei Grönwald an, ob er mit einer Gruppe Studierender auf Exkursion nach Thüringen und Sachsen das bekannte Musterhaus des Bauhauses Am Horn in Weimar besichtigen könne, in dem Grönwald mit seiner Familie wohnte und eine Dauerausstellung eingerichtet hatte und das er öfters für Besucher öffnete. Grönwald stimmte der Bitte freundlich zu, auch wolle er versuchen, selbst dazu zu kommen. Im Herbst 1989 bat Grönwald dann Nerdinger um ein Treffen mit einem der wichtigsten ISA-Mitarbeiter aus dem Bereich Baugeschichte, der beruflich in die Bundesrepublik reisen durfte; wichtig war Grönwald auch in diesem Fall der Hinweis auf sein Interesse an möglichen gemeinsamen Forschungsprojekten.

 

Quellenhinweise

 

Literatur
  • Harald Engler, Das institutionelle System des DDR-Bauwesens und die Reformdebatte um den Städtebau in den 1980er Jahren. Ein Problemaufriss, in: Christoph Bernhardt u.a. (Hgg.), Städtebau-Debatten in der DDR. Verborgene Reformdiskurse, Berlin 2012, S. 71–104
  • Bruno Flierl, Hoffnung bis zuletzt. Ein Nachruf auf Bernd Grönwald (2009), in: ebd., S. 177–183