DDR-PLANUNGSGESCHICHTE
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Ein Pionier für Bürgerbeteiligung in der städtebaulichen Umgestaltung von DDR-Altstädten. Manfred Heinzes Studie 1981

Fund des Monats (Nr. 7 vom November 2020)

von Kathrin Meißner, IRS Erkner

 

Selbstbewusst und selbstverständlich propagierte die Verfassung der DDR von 1968 den „Gedanke[n] der Solidarität, das Mit- und Füreinander […] der Bürger […] ihr Bedürfnis mitzuplanen, mitzuarbeiten und mitzuregieren“ und im öffentlichen Dialog Gesetzentwürfe und Perspektivplanungen „zu beraten und […] zu debattieren, um den höchsten Nutzen für alle und für jeden einzelnen zu erreichen“ [1]. Tatsächlich konnten sich DDR-Bürger*innen lediglich mit sozialistischen Auszeichnungen, wie beispielsweise der ‚Goldenen Hausnummer‘ brüsten. Ihr Einfluss städtebaulicher Mitgestaltung des eigenen Lebens- und Wohnumfelds, ganz zu schweigen vom weiteren Stadtbild, blieb auf wenige Formate der Ausführung von Reparaturen, kleineren Baumaßnahmen und Verschönerungen von Straßen oder Höfen beschränkt.

Dass es auch anders gehen konnte und musste, beweist der Fund des Monats November. In einer stadtsoziologischen Studie des Architekten Manfred Heinze, Mitarbeiter im Institut für Städtebau und Architektur (ISA) der Bauakademie der DDR, von 1981 formuliert er allgemeine und konkrete Handlungsempfehlungen zur aktiven Einbindung der Bürger*innen in Umgestaltungsprozesse von Altstadtgebieten.

Manfred Heinze (geb. 1933) studierte Architektur an der TU Dresden und arbeitete am ISA der Bauakademie der DDR in Ost-Berlin. Seine Arbeitsschwerpunkte seit den 1970er Jahren bildeten zum einen Methodiken rechnergestützten Städtebaus/CAD, zum anderen Möglichkeiten von Bürger*innenbeteiligung in Umgestaltungsvorhaben von Altbaugebieten. Er nahm eine reformorientierte Position (wie im ISA generell) ein und hatte enge Bezüge zum ebenfalls systemkritischen Kolloquium des Bauhaus Dessau.

Seit der Mitte der 1960er Jahren im neu begründeten Fach Wissenschaftszweig der Stadtsoziologie und ansatzweise in Honeckers Einheit von Sozial- und Wirtschaftspolitik aufgegriffen, wurde Städtebau und Stadtplanung stärker kontextualisiert. Während allerdings die politische Strategie die Lösung der sozialen Wohnungsfrage durch bauökonomische und -technologische Innovationen der industriellen Standardbauweise in Form von Plattenbaueinheiten bis 1990 prophezeite, untersuchte der neue Fachdiskurs um Fred Staufenbiel und Hermann Henselmann die Wechselwirkungen von menschlich-sozialen und baulich-räumlichen Prozessen. Dieser soziologische Ansatz zur Analyse von Phänomenen, wie Kulturniveau, Lebensstil und Wohnverhalten im städtebaulichen Kontext wurde u.a. an der Bauakademie der DDR in Berlin durch Alfred Schwandt und am 1977 eigens eingerichteten Soziologielehrstuhl der HAB Weimar um Fred Staufenbiel ausgiebig beforscht. Weitere fachspezifische Forschungen zu Wohn-, Stadt- und Regionalsoziologie erfolgten an den Universitäten Leipzig, Berlin und Rostock.

Die Auseinandersetzung mit den so lange vernachlässigten innerstädtischen Altbau-Wohngebieten erforderte neue technologische Baumaßnahmen und ein differenziertes Planungsvorgehen. Effiziente, ressourcenschonende und schnelle Lösungen zur ‚historisierenden Lückenfüllung‘ bestimmten die politische Agenda im Umgang mit den Altstädten. Als ein wesentliches Ziel versuchten die stadtsoziologischen Planer*innen und Architekt*innen dem unkontrollierten und weitgehend unbeachteten Altstadtverfall entgegenzuwirken, indem sie die Geschichts-, Identitäts- und Kulturbedeutung der historischen Stadtgebiete wissenschaftlich herausarbeiteten. Gleichzeitig sollte durch stadtsoziologische Studien auch der notwendige Neubau vielfältige, funktionell-vielschichtige und individuellere Gestaltungsformen annehmen, um auch die gesellschaftliche Ausdifferenzierung aufzugreifen.

Die nicht-veröffentlichte soziologische Studie Heinzes lässt sich in einen systemkritischen Reformgeist des ISA und einige wissenschaftliche Studien und fachöffentlichen Artikel der frühen 1980er Jahren einreihen, die Ausführlichkeit und implizite Systemkritik seiner allgemeinen Handlungsempfehlungen sticht jedoch im zeitgenössischen Kontext heraus. Basierend auf Stadtanalysen (u.a. aus Dresden und Leipzig) gibt er „Grundpositionen […] und Denkanstöße für die theoretische und praktische Arbeit“ (S. 32) der „örtlichen Volksvertretungen und ihrer Organe“ zur Einbeziehung der Bürger in den Umgestaltungsprozess von Altbaugebieten.

Heinze bezeichnet die lokalen Akteure (Anwohnende, Beschäftigte und Nutzer*innen lokaler Einrichtungen) als „die sachkundigsten Kenner der spezifischen Bedingungen des Gebietes und die besten Vertreter ihrer individuellen und gemeinschaftlichen Interessen im Planungs- und Vorbereitungsprozeß.“ (S. 3) Besonders bei großflächigen Umgestaltungen oder komplexen Rekonstruktionen in Altbaugebieten sollten die Bürger umfassend einbezogen werden, um die unterschiedlichen Erwartungshaltungen und Zielvorstellungen zusammenführen und abstimmen zu können.

Die bisher fehlende aktive und frühzeitige Einbindung der Bürger*innen führt der Autor auf stadtplanerische Defizite wie fehlende Kontinuitäten der Planungen, Unsicherheiten in Realisierungsmöglichkeiten und -fristen, fehlende Erfahrungen und Methoden zur Bürgerbeteiligung sowie unterschätzten positiven sowohl sozialen als auch ökonomischen Auswirkungen zurück. So vehement diese Systemkritik zunächst erscheint, umso konstruktiver entwickelt der Autor diese weiter: „Es bedarf zielstrebiger und umfassender Aktivitäten, um möglichst alle Bürger mit den politischen und fachlichen Problemen kommunalpolitischer Arbeit im allgemeinen und der Umgestaltung im besonderen vertraut zu machen, sie zu befähigen, ihre individuellen und gemeinschaftlichen Interessen zu erkennen, zu artikulieren und im Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Erfordernissen zu werten.“ (S. 6) Dabei verfolgt Heinze einen inklusiven Ansatz und berücksichtigt alle Bürger*innen, besonders „den Gruppen, die, aus welchen Gründen auch immer, nicht in der Lage sind, ihre Interessen selbst angemessen zu vertreten.“ (S. 21)

Einerseits liefert die Studie einen abstrakten, hypothetischen Ansatz als Verallgemeinerung von Bürgerbeteiligung in Altbau-Umgestaltungsvorhaben. Andererseits formuliert sie ein detailliertes, exemplarisches Ablaufschema. Heinze schlägt zur Verbindung dauerhafter Arbeit organisierter Bürger*innen in gesellschaftlichen Interessengruppen, Verbänden (bspw. FDGB, BdA, Kulturbund der DDR, kirchlichen Vereinigungen) mit den ‚örtlichen Organen‘ und sozialistischen Vertretungen, wie Stadträt*innen, Kommissionen, Wohngebietsausschüssen, die temporäre, problemorientierte Zusammenarbeit in gesellschaftlichen Aktivs vor (siehe Abbildung). „Diese ‚Umgestaltungs‘-Kommissionen sollten sich aus den Leitern der wichtigsten ständigen Kommissionen, den Abgeordneten und den Vorsitzenden der Parteiaktivs der SED und der gesellschaftlichen Organisationen des Gebietes, der ansässigen Betriebe und Einrichtungen sowie sonstigen engagierten, in der politischen und fachlichen Arbeit erfahrenen Bürgern zusammensetzen.“ (S. 11) Diese „erfahrenen“ Bürger*innen wären laut Heinze geeignet, die diversen Interessen aller Bürger*innen zu berücksichtigen und unmittelbar in den Umgestaltungsprozess einzubringen.


„Die Stellung der zeitweiligen Kommission und der [sic!] gesellschaftlichen Aktivs bei der Planung und Vorbereitung der Umgestaltung von Altbaugebieten“ (Schaubild auf Seite 12 der Studie)

Dabei sollte der Stufe der Mitarbeit die wichtigste Bedeutung zukommen, bspw. in Form von Beobachtungen, Befragungen, Pressediskussionen, Versammlungen, Planspielen, Lehrbeispielen, und Kenntnisse über den spezifischen Gebietskontext hinaus auf kommunalpolitischer Ebene vermitteln. In fünf Stufen kategorisiert Heinze Formen der Information bzw. Mitwirkung der Bürger*innen und lässt dabei unmittelbare Assoziationen zu Sherry Arnsteins Konzept der ‚Partizipationsleiter‘ von 1969 aufkommen. Inwieweit Heinze Kenntnis über den einflussreichen Ansatz der US-amerikanischen Kommunikationswissenschafterin und Publizistin im Bereich Public Policies (Öffentlichkeitsarbeit/Öffentliche Politik) hatte, kann hier nicht abschließend geklärt werden. Fest steht jedoch, dass ihr Beitrag zur Klassifizierung gesellschaftlicher Beteiligung an staatspolitischen Entscheidungsprozessen wesentlichen Einfluss auf westliche Stadtplanungsdiskurse nahm und das ISA durchaus über westliche Diskurse informiert war.

  
Mitwirkung der Bürger*innen bei Arnstein (1969; Adaption: Wikimedia Commons) und Heinze (1981)

Heinze betont, dass nicht von allen Bürger*innen die Einbeziehung auf allen Ebenen erwartet werden kann, da zum einen verschiedene Wissens-, Bildungs- und Bereitschaftslevel Voraussetzung sind, zum anderen die Kapazitäten alle Bürger in alle Formen einbeziehen zu wollen nicht planungseffizient und ergebnisorientiert. Aber durch die Kombination verschiedener Formate könnten alle Bürger*innen mit ihren Interessen berücksichtigt werden und aktiv auf die Umgestaltungsprozesse Einfluss nehmen.

Der Autor bezieht auch neue Technologien, wie die eigens an der Bauakademie entwickelte Modellfilmsimulationsanalage (MFSA) ein, welche die etablierten Informationsformaten der Zeichnung, Fotografie und Videotechnik ergänzen sollte.

Heinze legt anhand einer skalaren Einordnung dar, wo die die Prioritäten und Bedürfnisse der Bürger*innen liegen und wie sich diese in den städtebaulichen Umgestaltungsprozess einarbeiten lassen. Dabei geht er davon aus, dass sich „[d]as Mitwirkungsfeld für die Bürger […] offenbar vom persönlichen zum gemeinschaftlichen und vom einfach zum komplizierten“ entwickeln würde (S. 22). Er sieht die Verantwortung einer effizienten und erfolgreichen Umsetzung bei den politischen und fachlichen Verantwortlichen, welche die korrekten Rahmenbedingungen durch Beschlüsse und Beteiligung aller relevanten lokalen Organe veranlassen muss. Für einen problemfreien Ablauf müssten die Forschungseinrichtungen von vornherein einbezogen werden, um die Untersuchungen und baulichen Vorgehensweisen vor Ort zu koordinieren.

Die Studie wägt stark Aufwand und Nutzen verschiedener Formate zur Bürgerbeteiligung ab und bietet dadurch ein breites Spektrum von Instrumenten an. Die im Detail erläuterten, verschiedenen Methoden ermöglichen eine praxisorientierte und schnelle Implementierung in die bestehende Planungskultur, da sie zum einen auf bewährte Informations- und Kommunikationsinstrumente verweist, zum anderen auch die gesetzlichen Rahmenbedingungen im Blick behält und neue Handlungsspielräume auslotet. Der Verweis auf existierende Studien und erfolgreiche Formate des aktiven Engagements von Bürger*innen wie eigenständig durchgeführte Reparaturmaßnahmen untermauert die Argumente und Handlungsansätze.


„Zum Prozeß der Einbeziehung der Bürger in die Planung und Vorbereitung von Umgestaltungsmaßnahmen“ (Tabelle auf Seite 25 der Studie)


„Ablaufschema für die Einbeziehung gesellschaftlicher Aktivs“ (auf Seite 26 der Studie)

Die Studie orientiert sich in den exemplarischen, konkreten Verfahrensabläufen an der Struktur volkswirtschaftlicher Hauptfristenpläne, bspw. in der Definition konkreter Aufgabenbereiche und Zuweisung von Verantwortlichkeiten/Zuständigkeiten einzelner Arbeitspakete.

Heinzes Studie blieb zwar unveröffentlicht, kursierte aber in einschlägigen Arbeitskreisen von ISA und Universitäten (Ingenieurhochschule für Bauwesen Cottbus, TU Dresden, HAB Weimar). In einem Beitrag der Architektur der DDR (Juni 1981) präsentiert Heinze kurz die zentralen Aussagen der Studie. Dabei listet er zu Beginn eine Reihe befürwortender hochrangiger Stadtplaner*innen und politische Entscheidungsträger auf (bspw. Stadträte von Karl-Marx-Stadt, Schwerin, Rostock, Leipzig, Dresden sowie von HAB und der Akademie der Wissenschaft).

Sein akteurszentrierter Ansatz ist ein wichtiger Baustein für die stadtsoziologische, systemkritische Stadtplanungsdiskurse der 1980er Jahre in der DDR. [2] Heinzes kritische Analyse des Ist-Zustands umfasst gleichzeitig konstruktive, avantgardistische Anregungen zur Veränderung der DDR-Planungskultur: verspätete Planungsdurchführung im Zusammenhang mit der Mangelwirtschaft, den Defiziten des Bauwesens, fehlender Öffentlichkeit und Berücksichtigung der Interessen der Stadtbewohner*innen. Der Autor verweist einerseits inhaltlich auf die gesetzlichen Rahmenbedingungen und Planungsgrundlagen im Bauwesen der DDR und argumentiert für eine sozialistische sowie baueffiziente Stadtplanung. Andererseits verweist er auf andere kritische Publikationen aus der zweiten Hälfte der 1970er Jahre, die ebenfalls Formen und Möglichkeiten von ‚bürgernaher‘ Stadtplanung diskutieren und einfordern. [3]

Im Hinblick auf die Planungsdiskurse und lautstark artikulierten, gesellschaftlichen wie planungskulturellen Reformbestrebungen in den letzten Jahren der DDR lieferte Heinzes Studie einen wichtigen Beitrag hin zum gegenwärtigen Paradigma partizipativer Stadtplanung.
 

Anmerkungen

[1] Bezirksausschuß der Nationalen Front des Demokratischen Deutschland der Hauptstadt Berlin/Magistrat von Groß Berlin, Schöner unsere Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik – macht mit! Wettbewerbsprogramm der Hauptstadt Berlin zum 20. Jahrestag der DDR, in: Nationalrat der Nationalen Front des Demokratischen Deutschland (Hg.), Schöner unser Städte und Gemeinden – mach mit! Zum 20. Jahrestag der DDR, Berlin 1968, S. 63–71, hier S. 69f. Vgl. für den Grundsatz „Arbeite mit, plane mit, regiere mit!“ Artikel 21 der DDR-Verfassung von 1968.

[2] Vgl. Büro für architekturbezogene Kunst Berlin (Hg.), Autorenkollektiv Wolfgang Kil / Harry Lüttger / Jürgen Raue / Kurt-Heinz Rudolf / Veronika Wagner, Stadtgestaltung im Prenzlauer Berg. Konzeption für die komplexe Gestaltung der Modernisierungskomplexe zwischen Prenzlauer Allee, Schönhauser Allee, Wisbyer Straße und Saarbrücker Straße, Berlin, Hauptstadt der DDR, Bearbeitungszeitraum Oktober 1982 – März 1983; Bruno Flierl, Zur Komplexität der Umweltgestaltung. Probleme der Ganzheitlichkeit und der Vergesellschaftung, in: ders., Architektur und Kunst, Dresden 1984, S. 57–62.

[3] Wolfgang Weichelt, Probleme der Entwicklung der sozialistischen Demokratie, Berlin 1977; Karin Brand, Soziologische Probleme bei der Planung der Umgestaltung eines inneren Altbaugebietes, Naumburg 1979; Kurt Müller, Lebendige operative Arbeit mit den Bürgern in der Großstadt, in: Organisation, Bd. 13 (1979); H. Hasbach, Sanierung und Sozialplanung – Planspielunterllagen, in: Sozialplanung in Sanierungsgebieten, Berlin-West 1975; Franz Pesch / Klaus Selle (Hgg.), Wohnumfeldverbesserung – Ein Lesebuch, Dortmund 1979.
 

Zeitgenössische Literatur

Manfred Heinze, Zur Einbeziehung der Bürger in die städtebauliche Planung und Vorbereitung der Modernisierung, Rekonstruktion und Umgestaltung in innerstädtischen Altbaugebieten, in: Architektur der DDR, Bd. 30 (1981), H. 6 vom Juni 1981, S. 356–358.

Manfred Heinze, Zur Einbeziehung der Bürger in die städtebauliche Planung und Vorbereitung der Umgestaltung in innerstädtischen Altbaugebieten, Bauakademie der DDR, Berlin 1981 (unveröffentlichte Studie).

Sherry R. Arnstein, A Ladder of Citizen Participation, in: Journal of the American Planning Association, vol. 35, 4/1969, pp. 216–224.
 

Forschungsliteratur

Rolf Kuhn, Soziologische Forschung für den DDR-Städtebau, in: Hans Bertram (Hg.), Soziologie und Soziologen im Übergang. Beiträge zur Transformation der außeruniversitären soziologischen Forschung in Ostdeutschland, Wiesbaden 1997, S. 475–496.

Christoph Bernhardt / Thomas Flierl / Max Welch Guerra (Hgg.), Städtebau-Debatten in der DDR. Verborgene Reformdiskurse, Berlin 2012.